DER BÜRGER“ ALS SCHAUSPIEL

Kunst ist Weglassen. So lautete ein Credo von Leonhard Frank, und er selbst hat den Beweis angetreten, dass das stimmen kann. Es bedarf der großen Kunst des Weglassens, um aus einem Prosawerk ein Theaterstück zu machen, eine Mühe, der sich Frank mit Erfolg unterzogen hat. Seine Stücke „Karl und Anna“ und „Die Ursache“ liefen insbesondere zwischen 1928 und 1931 weltweit mit großem Erfolg. (Frank konnte allerdings nicht ahnen, wie weitgehend das Weglassen von manchem Theaterregisseur heute praktiziert werden würde.) Ein Wagnis ist es allemal, denn das neue Produkt steht ja normalerweise in Konkurrenz zur Vorlage.

Das musste nun nicht befürchtet werden, als am 5. Februar „Der Bürger“ im bat-Studiotheater in Berlin-Prenzlauer Berg Premiere hatte, denn kaum jemand im Publikum dürfte den Roman auch nur dem Namen nach gekannt haben. Schließlich ist „Der Bürger“ der wohl am meisten unterschätzte Roman Franks und schon in den 20er Jahren in seiner literarischen Bedeutung nicht wirklich erfasst worden. Dazu mag beigetragen haben, dass Frank ihn einen „sozialistischen Roman“ nannte. Das überzeugte freilich Georg Lukacs nicht ganz, der in einer in der Literaturwissenschaft unbekannt gebliebenen Rezension notiert, dass der Roman nicht ganz seine (Lukacs‘) Erwartungen erfülle und an manchen Stellen nicht in letzter Konsequenz überzeugend sei. [Mehr dazu im nächsten Heft der Schriftenreihe der Leonhard-Frank-Gesellschaft.] Immerhin markiert „Der Bürger“ den Abschluss einer Lebensphase Franks, in der schriftstellerisches und politisches Engagement eng verbunden waren.

Jedenfalls hat sich ein Wagemutiger gefunden, der Franks 320-seitigen Roman für die Bühne bearbeitet hat, gleichzeitig versuchend, Fragen an unser heutiges Leben zu stellen. Der Betreffende ist Simon Kubisch, der sich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin im dritten Studienjahr Regie befindet und folgerichtig auch für die Inszenierung des Stückes verantwortlich zeichnet.

DER ROMAN

„Der Bürger“, nach achtjährigen, immer wieder unterbrochenen Mühen und nach einem von Frank provozierten Bruch mit dem Insel-Verlag 1923/24 erstmals in Wieland Herzfeldes Malik-Verlag erschienen, zeichnet die Wege und Irrwege eines Sohnes aus gutbürgerlichem Hause mit „erstaunlich selbständigen Ansichten“ und seiner gleichaltrigen Freunde und Weggefährten nach. Frank schildert damit eine Welt, der er selbst nicht entstammte. Gleichwohl gelingt es ihm, einleuchtend darzustellen, welchen äußeren und psychischen Belastungen ein aus bürgerlichen Kreisen stammender Jugendlicher ausgesetzt war, der nicht einfach den elterlich vorgegebenen Wegen zu folgen beabsichtigte. Bankierssohn Jürgen Kolbenreiher, mit sozialer Empathie und großem Gerechtigkeitssinn ausgestattet, weiß, dass es, so wie es ist, ganz falsch ist, wie es aber richtig ist und was man dafür tun muss, das weiß er nicht. Das bezieht sich auf die seelischen Konflikte ebenso wie auf die grundsätzlichen Entscheidungen von 20-30jährigen und ist doch immer mit den gesellschaftlichen Grundfragen verbunden. Ohne auf konkrete Ereignisse Bezug zu nehmen, bilden denn auch die sozialen Konflikte nach Ende des Ersten Weltkrieges den Hintergrund des Romans, die mit Franks typischen Mitteln (einschließlich seines Humors) und großem Verständnis dargestellt werden. Kolbenreiher kann und will die Klassenauseinandersetzungen nicht übersehen, die sich für ihn in Kleinigkeiten des Alltags materialisieren. Mitschüler Leo Seidel soll trotz hoher Intelligenz die Schule verlassen, weil sein Vater, Postbeamter, das Schulgeld nicht bezahlen kann. Das widerstrebt Kolbenreiher genauso tiefgehend wie die Behandlung von Armen auf der Straße. Er empfindet karitatives Handeln als unzureichend und nicht grundlegend genug, reagiert mit Selbstzweifeln und Angstvorstellungen. Da kommt Katharina Lenz gerade recht, die bereits mit ihrer bürgerlichen Herkunft abgeschlossen hat, und einen Ausweg anbietet, persönlich und politisch. Und der Ausweg ist das politische Engagement bis hin zum Opfer, zumindest der materiellen Existenz, das Engagement für eine Partei, deren Namen Frank nicht nennt, in der aber die Anrede „Genosse“ ganz normal ist.

Kolbenreiher engagiert sich, schreibt, redet, kämpft, aber er stößt an seine Grenzen und sieht keine oder zu wenige Resultate. Die Mühen der Ebene, wie Brecht einmal den Alltag des politischen Kampfes bezeichnete, zermürben Kolbenreiher und die Verlockungen des kultivierten, bürgerlichen Luxus holen ihn ein. Kolbenreiher beugt sich mehr und mehr den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft, personalisiert in Form seiner Tante, engagiert sich im Börsengeschäft und geht eine standesgemäße Ehe ein. Auch die Liebe zu Katharina kann ihn davon nicht abhalten. Seine Zweifel verdrängt er, viele, lange Jahre. Nach dem Tod von Tante und Ehefrau erwacht Kolbenreiher geradezu wegen eines nebensächlichen Ereignisses: ein Straßenbahnfahrer wirft einen Mittellosen, „dem die Nase fehlte“, aus der Bahn. „Aus der Bahn geworfen“, so fühlt sich auch Kolbenreiher, fragt sich, ob er alles verraten hat, was ihm in der Jugend teuer war, sich eingestehend, dass wer diese Frage stellen muss, tatsächlich ein Verräter ist. Er realisiert, dass „haben, haben, haben und immer noch mehr haben“ als normaler Inhalt bürgerlichen Lebens ihm nicht ausreicht, dass diese Normalität vielmehr „die Krankheit ist, an der die Menschheit zugrund geht“. Der Konflikt zwischen entseeltem bürgerlichem Sein und politisch-sozialem Bewusstsein führt Kolbenreiher an den Rand des Wahnsinns. Auf der Suche nach sich selbst durchstreift er Städte, Plätze und Straßen, „wurde in das Reichstagsgebäude nicht hineingelassen und aus einem Automatenrestaurant hinausgeworfen, weil er die Metallmarke, anstatt in den Schlitz, dem verblüfften Kellner in den Mund geschoben hatte“, beauftragt eine Detektei mit der Suche nach dem eigenen Ich. Am Ende steht der Wunsch, „wieder dorthin [zu] gelangen, wo ich schon war“, das Bewusstsein, dass aus den schulischen Knabenkolonnen unversehens Infanterieregimenter werden, wenn man nichts dagegen tut. Der Weg zurück, auch zurück zu Katharina, ist der Weg nach vorn, ein Weg mit ungewissem Ausgang, aber geprägt vom „Kampf um den Sozialismus“.

DAS STÜCK

Aus diesem Stoff nun hat Kubisch ein abwechslungs- und temporeiches, überwiegend dynamisches Stück für fünf Personen gemacht, manchmal so dynamisch, dass man Angst um das Wohlergehen der Mitwirkenden haben könnte. Die SchauspielerInnen, sämtlich im 3. Studienjahr Schauspiel, fungieren zugleich als Kulissenschieber, Ansager und Kameraleute, denn alles, was nicht zur „bürgerlichen Welt“ gehört, spielt sich gewissermaßen im Verborgenen ab und ist für die Zuschauer nur als gleichwohl live gespielte Filmprojektion sichtbar. Die Bühnenmöglichkeiten des doch recht kleinen bat-Studiotheaters werden optimal genutzt, auch der Zuschauerraum (vielleicht 150-200 Plätze) ist einbezogen und man merkt der Inszenierung an, dass man hier gerne noch weiter gegangen wäre, aber die räumlichen Möglichkeiten begrenzt sind. Sie reichten aber aus, um an passender Stelle und unter Absingen des Demonstrations-Evergreens „In Erwägung unsrer Schwäche“ die Bühne in ein rotes Fahnenmeer zu hüllen. Das Publikum erlebte einen gut durchkomponierten ersten Teil, während man nach der Pause ein bisschen den Eindruck hatte, als seien noch nicht alle Szenen ausgereift, aber das mag auch mit dem schwer darstellbaren Ende zu tun haben. Die Darsteller, die mit Ausnahme des Hauptdarstellers mehrere Personen verkörpern müssen, haben ausreichend Gelegenheit ihr bereits großes Können unter Beweis zu stellen. Vielleicht hätte hier und da, wenn verschiedene Personen vom gleichen Schauspieler präsentiert werden, das Spiel nuancierter sein können. Herausragend spielte Pascal Houdus, Publikum wie Schauspielerkollegen gleichermaßen begeisternd, die Rolle des Adolf Sinsheimer, des lebensfreudigen Bourgeois, der von keinerlei Kolbenreiherschen Zweifeln geplagt ist. Insbesondere jene Szene, in der das Börsengeschehen dargestellt und als tatsächlicher „Wahnsinn“ kenntlich gemacht wird, trieb dank Houdus Vielen die Lachtränen in die Augen. Peter Posniak als Leo Seidel, den Aufsteiger aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der sich letztlich als konsequenter Kapitalist erweist, zeigt verhaltene Anleihen bei Klaus Kinski, so dass man sich fragt, wie er wohl die Hauptfigur gegeben hätte. Denn das insgesamt facettenreiche Spiel von Aram Tafreshian als Kolbenreiher hat genau da leichte Schwächen, wo es um die Zerrissenheit bzw. die wahnhaften Selbstreflektionen geht. Nicht alles wirkt hier überzeugend. Hingegen war sein Spiel in den Kameraszenen beeindruckend, was vielleicht auf eine gute Filmtauglichkeit verweist. Christin Nichols, die sowohl Kolbenreihers Tante als auch seine Ehefrau Elisabeth spielt, scheint wie geschaffen für lebenslustig-mondäne Figuren und konnte auch ihr komödiantisches Talent zeigen. Sehr überzeugend wirkte Elena Nyffeler als Katharina Lenz, wobei zu bedauern ist, dass hier der Charakter durch Regie und Dramaturgie etwas zu verhalten präsentiert wird. Aus der Szene etwa als Kolbenreiher ins bürgerliche Leben zurückkehrt und Katharina ins Publikum fragt, ob sie um ihn kämpfen soll, wäre mehr zu machen. Textlich trägt die Figur der Katharina die Frage nach dem Ausweg sehr gut, nur das Manches durch beiläufiges Spiel untergeht.

Wenn man vom Roman ausgeht, dann kann von einer gelungenen Adaption gesprochen werden. Nun ist aber der Ankündigung zu entnehmen, dass man das Stück als Folie für unser heutiges Leben zeigen wollte. Franks Fragen seien aktueller denn ja und da kann man wirklich nicht widersprechen. Aber genau das kommt in der Inszenierung zu wenig zum Tragen. Da genügt es nicht, zum Ende eine Occupy-Phalanx aufmarschieren zu lassen und launig-ironisch als Abschluss das Publikum zur Diskussion weiterer Folgerungen in die Kneipe einzuladen. Mainstream und Alternative sind ja im „Bürger“ personalisiert. Kolbenreiher ist der Zweifelnde, die Konkurrenten um die richtige Lebensperspektive sind Adolf Sinsheimer und Katharina Lenz. Daher ist es ein Problem, wenn man der Figur des Sinsheimer, auf heute übertragen so etwas wie dem Repräsentanten der Nur-Party-People, alle Trümpfe überlässt. Ganz offenkundig schreckten Kubisch und sein Dramaturg Roman Senkl davor zurück, die Mehrheit der eigenen Generation zu sehr zu provozieren.

Leonhard Frank hatte es einfacher. 1923 war die Arbeiterbewegung in Deutschland zwar zerrissen und hatte mit ihren Niederlagen zu kämpfen, aber sie existierte für alle Zeitgenossen sichtbar und in vielfältigen organisatorischen und kulturellen Formen als reale Alternative, auf die Frank nur anspielen musste. Heute fehlen die Alternativen oder sind durch die Erfahrungen mit den zu brutalen Diktaturen degenerierten „sozialistischen Ländern“ verdeckt. Die sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre existieren nicht mehr. Wir wissen heute vielleicht nur, dass es, so wie es ist, falsch ist. Insofern reflektiert das Ende des Stückes nur die Ratlosigkeit derer, die nach gesellschaftlichen Alternativen suchen. Auch Brecht hatte es einfacher und forderte „ändere die Welt, sie braucht es!“ Und Brecht war, bei allen Unterschieden genau wie Frank, ein Optimist. Im Film „Kuhle Wampe“ von 1932 lässt er einen Arbeiter antworten, wer denn die Welt ändern werde: Die, denen sie nicht gefällt! Vielleicht sollte man darüber mal beim nächsten Bier oder Schoppen …

M. Henke

© Februar 2012


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